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Hörschäden durch Cisplatin

Cisplatin ist ein Medikament, das in der Kinderonkologie Leben rettet. Doch eine häufige Folge sind irreversible Hörschäden – wie bei der neunjährigen Lena. Eine präventive Therapie kann das Risiko des Auftretens eines Hörverlustes jetzt senken.

 

Lena war sieben Jahre alt, als sie die Diagnose bekam: Medulloblastom, ein bösartiger Hirntumor. Ihre Eltern erinnern sich genau an den Moment, als erstmals das Wort „Cisplatin“ fiel – als Teil des Chemotherapieprotokolls, das ihre Tochter heilen sollte. Sie stimmten der lebensrettenden Behandlung zu, trotz der möglichen Nebenwirkungen.

Lena überlebte. Doch zwei Jahre nach Therapieende fiel ihrer Mutter im Alltag immer häufiger die Frage auf: „Mama, was hast du gesagt?“ Auch die Lehrerin äußerte beim Elternsprechtag die Sorge: „Lena versteht uns oft nicht richtig – besonders wenn es laut ist.“ Ein Hörtest bestätigte den Verdacht: Lena hatte auf beiden Ohren einen erheblichen Hörverlust erlitten. Nicht durch den Tumor, sondern durch die Therapie, die sie gerettet hatte. „Sie hat ihr Leben gewonnen“, sagt ihr Vater, „aber auch ein Stück davon verloren.

LEBENSRETTER MIT NEBENWIRKUNGEN

Cisplatin gehört zu den wirksamsten Chemotherapeutika in der Kin­deronkologie und ist bei vielen Tumorarten unverzichtbar. Gleichzeitig ist es stark toxisch: Es schädigt die empfindlichen Haarzellen in der Cochlea (Hörschnecke) des Innenohrs. Deren Zellen sind entscheidend für die Umwandlung von Schall in Nerven­ impulse – und sind beim Menschen nicht regenerationsfähig

Die Folge: Je nach Dosis, Alter und individueller Veranlagung entwickeln zwischen 40 und 60 Prozent der mit Cisplatin behandelten Kinder einen bleibenden Hörverlust. Bei sehr jungen Kindern, deren Sprachentwicklung noch nicht abgeschlossen ist, kann das dramatische Konsequenzen haben.

Die Auswirkungen reichen weit über das Hören hinaus: Konzentrationsprobleme, Sprachentwicklungsstörungen, soziale Unsicherheiten und ein erhöhter Förderbedarf prägen den Alltag. Viele Kinder sind auf Hörgeräte oder Cochlea-Implantate angewiesen. Eltern übernehmen intensive Begleit- und Förderaufgaben

SCHUTZ FÜR DAS GEHÖR

Umso bedeutsamer ist eine Entwicklung, die in der Fachwelt als echter Meilenstein gilt: Natriumthiosulfat als Schutzstoff. Es wirkt als Gegenspieler zu Cisplatin und kann freie, schädi gende Platinverbindungen im Körper binden. Dadurch wird das Innenohr geschützt, ohne die krebsbekämpfende Wirkung der Chemotherapie wesentlich zu beeinträchtigen. Klinische Studien zeigen: Der Einsatz kann das Risiko eines klinisch relevanten Hörverlusts bei bestimmten Patientengruppen und Tumorarten erheblich reduzieren.

Für Lena kam diese Entwicklung zu spät. Sie ist heute zwölf, trägt Hörgeräte und hat gelernt, damit umzugehen – mit bewundernswerter Stärke, wie ihre Eltern sagen. Aber die Familie weiß: Hätte es diesen Schutz damals schon routi nemäßig gegeben, wäre vielleicht einiges leichter. Für viele Kinder, die heute behandelt werden, besteht jedoch die Chance, nicht nur eine schwere Krankheit zu überleben, sondern Lebensqualität zu bewahren. Und es wird weiter geforscht. Denn die Kinderonkologie steht vor einer doppelten Aufgabe: Leben zu retten – und unerwünschte Folgen der Therapie so gering wie möglich zu halten

Sabine Clever

 

CHECKLISTE FÜR ELTERN BEI CISPLATIN-THERAPIE

  • Hörtest vor Therapiebeginn durchführen

  • Risiken von Cisplatin und Einsatz von Natriumthiosulfat klären

  • Regelmäßige Hörkontrollen während und nach der Behandlung durchführen

  • Warnzeichen beachten (zum Beispiel Tinnitus,Verständnisprobleme)

  • Hörgeräte und Sprachförderung organisieren

  • Nachsorge mit Ärzt:innen und Therapeut:innen planen